PAs in der Schweiz: Abrechnungssystem TARDOC hinkt hinten nach

Arzt und PA in Schweizer Hausarztpraxis

01. Juli 2026 | Heinz W. Süess

Die Schweiz zählt heute rund 170 aktive Physician Associates. Deutschland hat 2.500, die Niederlande 2.342. Und während Deutschland bereits eine 6,75-Millionen-Studie in 52 Hausarztpraxen laufen hat (PAAM, bis 2028), fängt die Schweiz im Herbst 2026 erstmals mit einem akademischen Bachelor-Studiengang an.

Dieser Beitrag schliesst an den Ländervergleich USA/NL/DE und den Schweizer PA-Überblick an. Er fragt, warum Physician Associates in den USA und den Niederlanden längst auch in Hausarztpraxen arbeiten — und was die Schweiz jetzt tun müsste, um dieselben Fehler wie Deutschland zu vermeiden.
🇺🇸 22 %PAs in der Primärversorgung NCCPA, 2024 — davon 16,3 % in der Familienmedizin
🇳🇱 107 / 320Ausbildungsplätze für Hausarztversorgung Capaciteitsorgaan, 2025 — ein Drittel aller PA-Studienplätze
🇨🇭 0TARDOC-Tarifpositionen für PA-Leistungen TARDOC seit 1. Januar 2026 aktiv — PA-Leistungen sind darin nicht erfasst

Die Schweiz zählt heute schätzungsweise 100 aktive Physician Associates — gegenüber 2.342 in den Niederlanden und rund 2.500 in Deutschland. Fast alle arbeiten stationär, in wenigen Pionierspitälern. Hausarztpraxen sind bisher kaum ein Thema. Das ist nachvollziehbar für ein Berufsfeld, das erst 2015 am Kantonsspital Winterthur den Betrieb aufnahm. Es ist aber auch eine verpasste Chance — und ein bekanntes Muster.

Deutschland macht dieselbe Erfahrung, nur ein Jahrzehnt früher: Die Delegationsbereitschaft der Hausärzt:innen ist hoch, die Evidenz ist ermutigend — aber ohne Abrechnungsrahmen bleibt der PA im Spital. Die Schweiz hat die Gelegenheit, diesen Weg abzukürzen. Dafür müssen jetzt die richtigen Weichen gestellt werden — nicht erst, wenn 2.500 ausgebildete PAs nach einem ambulanten Markt suchen.


🇺🇸

Der Beweis, dass es funktioniert

Seit den 1960er-Jahren in der Primärversorgung etabliert · direkte Medicare-Vergütung · Full Practice Authority in über 30 Bundesstaaten

Der PA-Beruf entstand in den 1960er-Jahren als Antwort auf den Hausarztmangel in ländlichen US-Gebieten. Bis heute arbeiten 22 % aller zertifizierten PAs in der Primärversorgung, davon 16,3 % in der Familienmedizin (NCCPA, 2025). Das sind bei knapp 190.000 PAs rund 41.000 Vollzeitkräfte allein in der Hausarztversorgung.

Kernbefund

Der entscheidende Faktor: Medicare vergütet PA-Leistungen direkt bei 85 % des Arzttarifs. Das schafft den betriebswirtschaftlichen Anreiz, der in der Schweiz fehlt. Ohne Abrechnungsmodell entsteht kein Markt — so einfach ist die Logik (AAPA, o. D.; Centers for Medicare & Medicaid Services, o. D.).


🇳🇱

Das nächste Vorbild — mit messbaren Resultaten

Rund 25 Jahre Erfahrung · staatlich gesteuerte Ausbildungsplätze in Hausarztpraxen · volle gesetzliche Selbstständigkeit seit 2018

Die Niederlande sind das für die Schweiz relevanteste Vergleichsland: ähnliche Bevölkerungsgrösse, starke Hausarztzentrierung, dezentrales Versorgungsmodell. Dort arbeiten Physician Associates seit über zwei Jahrzehnten auch ausserhalb der Klinik. Das Capaciteitsorgaan empfiehlt für 2027–2030 jährlich 320 neue Studienplätze, davon 107 gezielt für die Hausarztversorgung (Capaciteitsorgaan via NAPA, 2025).

Kernbefund

In einer Studie über vier niederländische Hausarztpraxen erbrachte ein PA im Schnitt 4.926 Konsultationen pro Vollzeitstelle und Jahr — bei 85 % abrechenbaren Leistungen. In drei von vier Praxen war der Einsatz kosteneffizient. PAs entlasteten die Hausärzt:innen spürbar — ohne Qualitätsverlust (Van der Biezen et al., 2023).

Was die Niederlande von der Schweiz unterscheidet: seit 2018 haben PAs volle gesetzliche Selbstständigkeit (BIG-register, Art. 36). Sie dürfen eigenständig diagnostizieren, behandeln und verschreiben. Das ist der strukturelle Unterschied — nicht die Qualität der Ausbildung.


🇩🇪

Was Deutschland zeigt — als Warnung und als Wegweiser

~2.500 ausgebildete PAs · fast ausschliesslich stationär · kein EBM-Abrechnungsrahmen für die Hausarztpraxis

Deutschland ist der nächste Schritt in der Entwicklung — und gleichzeitig das präziseste Warnsignal für die Schweiz. Mit rund 2.500 ausgebildeten PAs und über 5.000 Studierenden ist der Beruf etabliert. Und trotzdem: Fast alle PAs arbeiten in Kliniken, davon 61 % in operativen Abteilungen. In Hausarztpraxen sind sie Ausnahmen.

Die entscheidende Lektion für die Schweiz

Der Grund ist strukturell, nicht kulturell: Im deutschen Einheitlichen Bewertungsmassstab (EBM) existiert keine einzige Abrechnungsziffer für PA-Leistungen im Vertragsarztsystem (KVWL, o. D.). Wer als Hausarzt einen PA anstellt, zahlt dessen Lohn vollständig aus eigener Tasche. Ein praktizierender Hausarzt nannte seinen PA deshalb «Privatvergnügen» — nicht weil der PA keinen Wert hat, sondern weil das System den Wert nicht abbildet (Medscape DE, 2026).

Seit Januar 2025 untersucht das PAAM-Projekt (6,75 Mio. €, 52 Hausarztpraxen, Laufzeit bis Sept. 2028) erstmals systematisch, ob und wie PAs in der deutschen Hausarztversorgung eingesetzt werden können. Die Schweiz wird diese Ergebnisse abwarten können — wenn sie jetzt die Hausaufgaben macht.


🇨🇭

Die Schweiz: Frühphase mit einem entscheidenden Vorteil

Beruf seit 2015 · ~100 aktive Physician Associates · ab Herbst 2026 erstmals akademischer Bachelorstudiengang

Der Beruf des Physician Associate — in der Schweiz auch «Klinische:r Fachspezialist:in» genannt — ist jung. 2015 startete das Kantonsspital Winterthur als Pionier, 2017 begann die ZHAW mit dem ersten CAS-Jahrgang. Seit dem 2. April 2022 gibt es mit Physician Associates Switzerland (PAS) einen eigenen Berufsverband. Heute sind schätzungsweise 100 Personen aktiv als PA tätig — fast ausnahmslos stationär (Wikipedia, 2024; PAS, o. D.).

2015 Kantonsspital Winterthur: Pionierstart
2017 ZHAW: erster CAS-Jahrgang
2022 PAS-Berufsverband gegründet
2026 ~100 aktive PAs, fast alle stationär
Herbst 2026 FHM/creaSKILL: erster Bachelor-Studiengang in der Schweiz

Ab Herbst 2026 startet erstmals ein akademischer, grundständiger Bachelorstudiengang für Physician Assistance in der Schweiz — angeboten von creaSKILL (Rothrist AG) in Kooperation mit der deutschen Fachhochschule des Mittelstands (FHM). Das ist ein echter Wendepunkt: Die Schweiz macht damit den Sprung direkt auf Bachelor-Niveau, ohne die deutschen Umwege über Jahre rein klinischer Weiterbildungsstrukturen (creaSKILL, o. D.).

Was die Evidenz bisher zeigt

Die bislang einzige publizierte Schweizer Studie stammt aus der Chirurgie des Kantonsspitals Thurgau, wo PAs 2019 eingeführt wurden. In einer Querschnittsbefragung von 53 Mitarbeitenden zeigte sich: Die Kontinuität der täglichen Visiten verbesserte sich signifikant (2,9 → 3,5 Punkte, p = .05), die Zusammenarbeit zwischen Pflege und Ärzteschaft stieg deutlich (3,6 → 4,2 Punkte, p = .05), und Ärzt:innen berichteten eine signifikante Entlastung (Halvachizadeh et al., 2022).

Einschränkend gilt: Einzelzentrum, zwei PAs, nicht validierter Fragebogen. Die Daten sind ermutigend, aber nicht generalisierbar. Kontrollierte Studien zur Primärversorgung fehlen in der Schweiz noch vollständig.

Die strukturelle Lücke

Kein TARDOC-Code, kein nationales Register, kein Berufsgesetz: Der ambulante Einsatz von Physician Associates ist in der Schweiz heute für Hausarztpraxen schlicht nicht finanzierbar. Wer als Hausarzt einen PA anstellt, trägt die Personalkosten vollständig selbst — ohne Erstattung durch die Krankenkassen.

TARDOC hat TARMED per 1. Januar 2026 abgelöst — ohne eine einzige PA-Tarifposition. Das ist nicht mehr ein drohendes Szenario, sondern der aktuelle Stand. Das erste ordentliche Tarifupdate ist für Januar 2027 geplant; die OAAT AG führt dafür ein standardisiertes Antragsverfahren. Die mfe Haus- und Kinderärzte Schweiz hat bereits über 60 Anträge für neue Positionen eingereicht. Die entscheidende Frage: Hat Physician Associates Switzerland (PAS) dasselbe getan?


Vier Länder, vier Entwicklungsstufen

Der Vergleich zeigt nicht, dass die Schweiz «zurückliegt» — sondern wo die Hebel liegen, bevor der Markt gewachsen ist.

🇺🇸 USA: Abrechnung als Motor
85 % Medicare-Vergütung auf PA-Leistungen schafft den Markt. Full Practice Authority in über 30 Bundesstaaten ermöglicht echte Kapazitätsentlastung. Ergebnis: 22 % aller PAs in der Primärversorgung.
🇳🇱 Niederlande: Steuerung und Recht
Volle Selbstständigkeit seit 2018, gezielter Capaciteitsplan (107 von 320 Plätzen für Primärversorgung), staatliche Subventionen für Ausbildungspraxen. Ergebnis: ein Drittel aller PAs in der Hausarztversorgung.
🇩🇪 Deutschland: Wille ohne Werkzeug
Hohe Delegationsbereitschaft bei Hausärzt:innen, aber keine EBM-Ziffer, kein Berufsgesetz. Ergebnis: >90 % der PAs stationär. PAAM-Studie (bis 2028) soll das ändern.
🇨🇭 Schweiz: Frühphase mit Potenzial
~100 PAs, kein TARDOC-Code (seit Jan. 2026 aktiv), kein Register, kein Berufsgesetz. Ab Herbst 2026: erster Bachelor. Das Update 2027 ist die nächste Chance für PA-Tarifpositionen.
Faktor 🇺🇸 USA 🇳🇱 Niederlande 🇩🇪 Deutschland 🇨🇭 Schweiz
Abrechnung 85 % des Arzttarifs (Medicare) Integriert, staatlich mitfinanziert Keine EBM-Ziffer Kein TARDOC-Code (seit Jan. 2026)
Rechtsstatus Full Practice Authority Selbstständigkeit seit 2018 Delegation; kein Berufsgesetz Delegation; kein nationales Register
Ausbildung Primärversorgungs-orientiert Primär- und Sekundärversorgung Historisch klinisch Ab 2026: erster Bachelor
Anzahl PAs ~190.000 ~2.350 ~2.500 ~100
PA in Primärversorgung 22 % ~30–35 % <5 % (geschätzt) Vereinzelt

Was die Schweiz jetzt angehen sollte

Drei Stossrichtungen — geordnet nach Dringlichkeit, nicht nach Schwierigkeit:

1
TARDOC-Update 2027: Jetzt den Antrag stellen. TARDOC ist seit dem 1. Januar 2026 in Kraft — ohne PA-Tarifpositionen. Das erste ordentliche Update ist für Januar 2027 geplant. Die OAAT AG führt dafür ein standardisiertes Antragsverfahren. mfe hat bereits über 60 Anträge eingereicht. PAS (Physician Associates Switzerland), Santésuisse und die FMH müssen jetzt handeln — die Datenbasis aus den Niederlanden und das laufende PAAM-Projekt liefern die Argumentation. Wer dieses Update verpasst, wartet mindestens bis 2028.
2
Berufsrecht: Register, Kompetenzrahmen, Rechtssicherheit. Ohne nationales Register und definierten Kompetenzbereich bleibt die Delegation in der Hausarztpraxis rechtlich unsicher — für Ärzt:innen und PAs gleichermassen. Der PAS-Berufsverband hat 2022 die Grundlage gelegt. Der nächste Schritt ist ein eidgenössisch anerkannter Rahmen, der Delegationsregeln klar definiert. Was im BIG-register seit 2018 für die Niederlande gilt, braucht die Schweiz auf dem eigenen Rechtsweg.
3
Ausbildung: Den Bachelor von Anfang an ambulant denken. Der neue FHM/creaSKILL-Bachelorstudiengang ist die Chance, das zu tun, was Deutschland verpasst hat: ambulante Praxisanteile, Hausarztpraxis-Praktika und primärversorgungs-spezifische Kompetenzen von Beginn an im Curriculum zu verankern. Wer im Studium nur Klinikluft atmet, sucht danach auch nur Klinikstellen.
Fazit

Das erste Fenster hat sich bereits geschlossen: TARDOC ist seit dem 1. Januar 2026 in Kraft — ohne PA-Tarifpositionen. Das ist kein drohendes Szenario mehr, sondern der aktuelle Stand. Die nächste konkrete Chance ist das TARDOC-Update Januar 2027. Die OAAT AG führt dafür ein standardisiertes Antragsverfahren — aber nur wer einen Antrag stellt, bekommt eine Position. Deutschland zeigt, wie teuer es ist, diese Zyklen zu verpassen: Jede fehlende Tarifposition zementiert den stationären Fokus für weitere Jahre.

Die internationalen Vorbilder existieren. Das niederländische Modell funktioniert nachweislich. Die Evidenz wächst. Was jetzt gebraucht wird, sind keine weiteren Studien — sondern ein TARDOC-Antrag, ein Berufsgesetz und ambulante Module im Curriculum.

Quellen
  • American Academy of Physician Associates (AAPA). (o. D.). Medicare. Abgerufen am 27. Juni 2026, von aapa.org
  • Capaciteitsorgaan via NAPA. (2025, Dezember). Capaciteitsorgaan adviseert: 'Leid meer physician assistants op'. napa.nl
  • Centers for Medicare & Medicaid Services. (o. D.). Physician assistants (PAs). Abgerufen am 27. Juni 2026, von cms.gov
  • creaSKILL GmbH. (o. D.). Physician Assistance B.Sc. in der Schweiz. Abgerufen am 27. Juni 2026, von creaskill.ch
  • Halvachizadeh, S., Goezmen, S., Schuster, S., Teuben, M., Baechtold, M., Probst, P., Hauswirth, F., & Muller, M. K. (2022). The implementation of physicians assistant in a surgical ward improves continuity in daily clinical work and increases comprehensibility of nurses and physicians. Patient Safety in Surgery, 16, Article 34. doi.org/10.1186/s13037-022-00344-7
  • Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL). (o. D.). Physician Assistant. Abgerufen am 27. Juni 2026, von kvwl.de
  • Medscape Deutschland. (2026, April). Warum ein Hausarzt sich seine Praxis ohne Physician Assistant nicht mehr vorstellen kann. medscape.com
  • National Commission on Certification of Physician Assistants (NCCPA). (2025, Mai). 2024 Statistical Profile of Board Certified PAs. nccpa.net
  • PAAM-Projekt. (2025). Über PAAM – Physician Assistants meet Allgemeinmedizin. Universitätsklinikum Essen / Innovationsfonds G-BA. paam-projekt.de
  • Physician Associates Switzerland (PAS). (o. D.). Startseite. Abgerufen am 27. Juni 2026, von physician-associates.ch
  • Van der Biezen, M., et al. (2023). PA and NP general practice employment in the Netherlands. PubMed. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37943694
  • Wikipedia. (2024, 25. Mai). Physician Associates Switzerland. In Wikipedia, die freie Enzyklopädie. de.wikipedia.org

Vergleichende Analyse · Stand der recherchierten Quellen: Juni 2026 · Kein Ersatz für eine fachliche oder gesundheitspolitische Beratung

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