„PAs ersetzen Ärzt:innen“ – oder erweitern sie Versorgungsteams?

19. August 2026 | Heinz W. Süess

In short

Nein.

Physician Assistants sind keine Ersatzärzt:innen – sie erweitern medizinische Teams dort, wo ärztliche Zeit besonders knapp und wertvoll ist.

Der entscheidende Punkt ist nicht die Verlagerung ärztlicher Verantwortung, sondern eine sinnvollere Arbeitsteilung. Ärzt:innen bleiben für Diagnostik, Indikationsstellung, Therapieentscheidungen und die ärztliche Gesamtverantwortung zentral. PAs können – innerhalb klar definierter Kompetenzen und unter ärztlicher Delegation bzw. Supervision – medizinische Aufgaben übernehmen, vorbereiten und koordinieren.

Ausgangslage

Weshalb die Frage überhaupt entsteht

Gesundheitssysteme stehen unter Druck: Patient:innen werden älter, Behandlungsverläufe komplexer und qualifizierte Fachpersonen knapper. Gleichzeitig verbringen Ärzt:innen in Spitälern und Praxen viel Zeit mit Tätigkeiten, die zwar medizinisch relevant sind, aber nicht bei jedem Schritt zwingend durch eine Ärztin oder einen Arzt persönlich ausgeführt werden müssen.

Dazu zählen beispielsweise strukturierte Anamnesen, klinische Untersuchungen nach definiertem Ablauf, Dokumentation, Visitenbegleitung, Koordination von Diagnostik, Patienteninstruktion oder die Vorbereitung von Ein- und Austritten. Genau hier kann Physician Assistance Versorgungsteams stärken. Die Rolle ist daher kein Sparmodell nach dem Motto „weniger Ärzt:innen, mehr PAs" – richtig eingesetzt ist sie ein Versorgungsmodell: Ärztliche Expertise wird dort eingesetzt, wo sie den grössten medizinischen Unterschied macht.

Aufgabenteilung

Wer welche Verantwortung trägt

Welche Aufgaben ein PA konkret übernimmt, hängt vom Einsatzbereich, dem Kompetenzprofil, der Einarbeitung sowie den betrieblichen Delegations- und Supervisionsregeln ab. Ein PA arbeitet nicht losgelöst vom ärztlichen Team, sondern in einer definierten medizinischen Struktur.

Was ein PA übernehmen kann

  • Strukturierte Patientenaufnahme und Erhebung der Anamnese
  • Klinische Untersuchungen im vereinbarten Kompetenzrahmen
  • Vorbereitung und Begleitung von Visiten
  • Dokumentation medizinischer Befunde und Berichte
  • Organisation und Koordination diagnostischer Abklärungen
  • Aufklärung und Instruktion von Patient:innen nach ärztlich festgelegtem Plan
  • Vorbereitung von Eintritt, Verlegung und Austritt
  • Mitwirkung bei Eingriffen, beispielsweise in der Chirurgie
  • Kontinuität in der Patientenbetreuung über mehrere Behandlungsschritte hinweg
  • Kommunikation an Schnittstellen zwischen Ärztedienst, Pflege, Therapie und Administration

Was ärztliche Aufgabe bleibt

  • Medizinische Gesamtverantwortung für Diagnostik und Therapie
  • Beurteilung komplexer oder unklarer klinischer Situationen
  • Indikationsstellung bei Eingriffen und Behandlungen
  • Entscheidungen bei Komplikationen, Notfällen oder Therapieänderungen
  • Delegationsentscheidung und Festlegung der Supervision
  • Verantwortung für Patientensicherheit und Behandlungsqualität

Wichtig ist: Eine Aufgabenübertragung braucht immer eine klare Regelung. Das Team muss wissen, wer welche Aufgabe übernimmt, wann eine ärztliche Rücksprache zwingend ist und wie Entscheidungen dokumentiert werden.

Praxisbeispiel

Die Hausarztpraxis

Stellen wir uns eine Hausarztpraxis mit hoher Nachfrage vor. Die Ärztin verbringt einen grossen Teil des Tages mit Folgeterminen, Dokumentation, Verlaufskontrollen, Koordination von Überweisungen und Patient:inneninstruktionen. Vieles ist notwendig, aber es unterbricht die Zeit für komplexe Diagnostik, anspruchsvolle Gespräche und Entscheidungen.

Ein PA kann in diesem Modell beispielsweise die strukturierte Vorabklärung übernehmen, relevante Informationen für den ärztlichen Kontakt aufbereiten, Untersuchungen im Kompetenzrahmen durchführen, Verlaufsgespräche nach einem festgelegten Plan begleiten und die Koordination an Schnittstellen sicherstellen.

Die Ärztin behält die Verantwortung und entscheidet bei unklaren Befunden, neuen Symptomen oder Therapieanpassungen. Das Ergebnis ist nicht weniger ärztliche Medizin, sondern besser fokussierte ärztliche Medizin.

Wirkung

Der Nutzen entsteht durch Teamarbeit

Der grösste Effekt eines PAs entsteht nicht allein durch eine Liste übertragener Aufgaben. Er entsteht, wenn sich ein Team konsequent fragt: Welche Tätigkeiten brauchen zwingend ärztliche Entscheidungskompetenz – und welche können professionell vorbereitet, begleitet oder nach klaren Regeln delegiert werden?

Eine gut implementierte PA-Rolle kann:

  • Ärztliche Zeit für komplexe Fälle und medizinische Entscheidungen freisetzen
  • Behandlungsabläufe über Berufsgruppen hinweg besser koordinieren
  • Kontinuität für Patient:innen verbessern
  • Pflege, Ärztedienst und Administration an den Schnittstellen entlasten
  • Neue berufliche Entwicklungsperspektiven für erfahrene Gesundheitsfachpersonen schaffen
  • Die Attraktivität eines Arbeitgebers im Wettbewerb um Fachkräfte erhöhen

PAs sind damit keine Konkurrenz zur ärztlichen Profession. Sie sind eine Ergänzung in einem Team, das Versorgung verlässlich, patientennah und wirtschaftlich organisieren muss.

Umsetzung

Klare Einführung statt unklare Erwartungen

Ob ein PA tatsächlich entlastet, entscheidet sich in der Umsetzung. Eine neue Rolle ohne klare Aufgaben, Verantwortlichkeiten und Kommunikationswege schafft eher zusätzliche Rückfragen als Entlastung. Vor dem Einsatz sollten Organisationen deshalb mindestens diese Punkte festlegen:

  1. Einsatzgebiet und Zielbild: Welches konkrete Versorgungs- oder Kapazitätsproblem soll der PA lösen?

  2. Aufgabenprofil: Welche Tätigkeiten sind vorgesehen, welche ausdrücklich nicht?

  3. Delegation und Supervision: Wer ist fachlich verantwortlich, wann erfolgt Rücksprache und wie werden Eskalationen gehandhabt?

  4. Einarbeitung: Welche klinischen, organisatorischen und digitalen Prozesse muss der PA beherrschen?

  5. Teamkommunikation: Wie werden Ärztedienst, Pflege, Administration und Patient:innen über die Rolle informiert?

  6. Erfolgsmessung: Welche Kennzahlen zeigen nach sechs oder zwölf Monaten, ob der Einsatz wirkt?

Sinnvolle Kennzahlen können beispielsweise Wartezeiten, Anteil der ärztlichen Zeit für komplexe Fälle, Überstunden, Anzahl Rückfragen, Durchlaufzeiten sowie Rückmeldungen von Patient:innen und Mitarbeitenden sein.

Conclusion

Physician Assistants ersetzen Ärzt:innen nicht. Sie helfen Teams, knappe ärztliche Kapazitäten wirksamer einzusetzen und Versorgung besser zu koordinieren.

Wie gestalten wir unser Versorgungsteam so, dass jede Fachperson ihre Kompetenz dort einsetzt, wo sie den grössten Nutzen für Patient:innen schafft?

Quellen

  1. Halvachizadeh, S., Dittmer, G., Teo, L. T., & Pape, H.-C. (2022). Implementation of physician assistants in an orthopaedic surgery department: A cross-sectional survey of physicians and nurses.
  2. Meyer-Treschan, T., et al. (2022). Healthcare in Germany: Including physician assistants into interprofessional healthcare teams. International Journal of Environmental Research and Public Health, 19(15), 9011. doi.org/10.3390/ijerph19159011
  3. van den Brink, G. T. W. J., et al. (2021). The cost-effectiveness of physician assistants/associates: A systematic review of international evidence. PLOS ONE, 16(11), e0259183. doi.org/10.1371/journal.pone.0259183
  4. Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. (2025, 13. Oktober). Physician Associates – Die unbekannte Berufsgruppe mit dem grossen Potenzial. zhaw.ch

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