03. August 2026 | Heinz W. Süess
Die Schweizer Grundversorgung steht unter Druck. Chronische Erkrankungen, Multimorbidität und der Fachkräftemangel erhöhen die Anforderungen an Hausarztpraxen spürbar. Gleichzeitig entstehen neue Rollen wie Physician Assistant (PA), Medizinische Praxiskoordinatorin (MPK) und Advanced Practice Nurse (APN), die helfen können, Versorgung gezielter, kontinuierlicher und teamorientierter zu organisieren.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, welche dieser Rollen „besser" ist. Relevanter ist, welche Kompetenzen in welcher Versorgungssituation den grössten Nutzen bringen.
Warum neue Rollen in der Hausarztpraxis relevant sind
Hausarztpraxen betreuen heute zunehmend Patientinnen und Patienten mit mehreren Erkrankungen, komplexen Medikationsplänen und hohem Koordinationsbedarf. Damit steigen auch die Anforderungen an Beratung, Prävention, Verlaufskontrollen, Schnittstellenmanagement und interprofessionelle Zusammenarbeit.
Das klassische Modell mit einer klaren Zweiteilung zwischen ärztlicher Versorgung und unterstützender Praxisassistenz stösst dabei in vielen Fällen an Grenzen. Neue Rollen ermöglichen eine differenziertere Aufgabenverteilung entlang von Kompetenzprofilen. Das schafft Entlastung im Alltag und verbessert gleichzeitig die Kontinuität in der Betreuung chronisch kranker Menschen (vgl. Gysin et al., 2020; Schlunegger et al., 2023).
Drei Rollen mit unterschiedlicher Logik
Physician Assistant
Medizinische Entlastung im Team: übernimmt delegierbare klinische Aufgaben, sichert Behandlungskontinuität und entlastet Ärztinnen und Ärzte in der Routinearbeit.
Medizinische Praxiskoordinatorin
Koordination, Struktur und Chronikerprogramme: stabilisiert Praxisprozesse und setzt standardisierte Betreuungspfade zuverlässig um.
Advanced Practice Nurse
Vertiefte Versorgung bei komplexen Verläufen: Selbstmanagement, Prävention, Gesundheitsförderung und Schnittstellenmanagement.
Physician Assistant: medizinische Entlastung im Team
Physician Assistants beziehungsweise Physician Associates sind in der Schweiz als Ergänzung des ärztlichen Teams zu verstehen. Sie übernehmen delegierbare klinische Aufgaben, sichern Behandlungskontinuität und entlasten Ärztinnen und Ärzte in der medizinischen Routinearbeit. Entscheidend ist dabei ein klares Rollenverständnis im Team (vgl. Physician Associates Switzerland, 2024).
Für die Hausarztpraxis ist diese Rolle besonders dort interessant, wo medizinische Aufgaben strukturiert delegiert werden können. Dazu gehören beispielsweise Vorabklärungen, Verlaufskontrollen, standardisierte medizinische Routinen und die klinische Unterstützung bei chronischen Krankheitsbildern.
MPK: Koordination, Struktur und Chronikerprogramme
Die Medizinische Praxiskoordinatorin baut auf der MPA-Rolle auf und ist in der Schweizer Praxislandschaft bereits gut anschlussfähig. Ihr Schwerpunkt liegt vor allem auf Koordination, Organisation, Praxisprozessen und standardisierten Betreuungspfaden.
Gerade in Hausarztpraxen mit wachsender Zahl chronisch kranker Patientinnen und Patienten kann die MPK einen wichtigen Beitrag leisten. Ihr Mehrwert zeigt sich dort, wo administrative Stabilität, Triage, Praxisorganisation und strukturierte Programme ineinandergreifen müssen (vgl. Gysin et al., 2020; Bachofner et al., 2023).
APN: vertiefte Versorgung bei komplexen Verläufen
Advanced Practice Nurses bringen ein erweitertes pflegerisches Kompetenzprofil in die Grundversorgung ein. Studien aus der Schweiz zeigen, dass APN insbesondere bei komplexen, stabilen und instabilen Patientensituationen einen wichtigen Beitrag leisten können. Dazu gehören Förderung des Selbstmanagements, Prävention, Gesundheitsförderung und Schnittstellenmanagement (vgl. Schlunegger et al., 2023).
APN entfalten ihren Nutzen vor allem bei multimorbiden, langfristig betreuungsintensiven Patientengruppen. Ihr Schwerpunkt liegt weniger in der reinen Praxisorganisation als in der vertieften Begleitung über längere und oft anspruchsvolle Krankheitsverläufe hinweg (vgl. Gysin et al., 2020).
Nicht Konkurrenz, sondern Ergänzung
Wer nur fragt, welche Rolle „am besten" ist, greift zu kurz. Strategisch sinnvoller ist die Frage, welches Versorgungsproblem gelöst werden soll und welche Rolle dafür die passenden Kompetenzen mitbringt (vgl. Bachofner et al., 2023).
Welche Rolle passt wozu?
| Role | Stärke in der Hausarztpraxis | Besonders geeignet für |
|---|---|---|
| PA | Delegierbare klinische Aufgaben, medizinische Kontinuität, Entlastung des ärztlichen Teams | Verlaufskontrollen, strukturierte medizinische Routinen, klinische Unterstützung |
| MPK | Koordination, Organisation, standardisierte Chronikerprogramme | Praxisabläufe, Betreuung stabiler chronischer Fälle, Prozessqualität |
| APN | Vertiefte Begleitung komplexer Patientinnen und Patienten, Prävention, Selbstmanagement | Multimorbidität, instabile Verläufe, Schnittstellenmanagement |
Die drei Rollen sind damit keine Alternativen im engeren Sinn, sondern Bausteine einer modernen Grundversorgung. Gerade für die Schweizer Hausarztpraxis spricht viel dafür, diese Kompetenzen komplementär zu denken.
Was das für Hausarztpraxen in der Schweiz bedeutet
Für Hausarztpraxen wird Rollenklärung zunehmend zur Führungsaufgabe. Entscheidend ist, welche Patientengruppen versorgt werden, wie hoch die klinische Komplexität ist und an welchen Stellen im Alltag heute die grössten Reibungsverluste entstehen.
Wo Prozesse und Koordination im Vordergrund stehen, ist die MPK besonders wertvoll. Wo komplexe chronische Verläufe, Prävention und kontinuierliche Begleitung dominieren, bringt die APN grosse Stärken ein. Wo medizinische Routineaufgaben delegiert und ärztliche Kapazitäten gezielt entlastet werden sollen, ist der PA ein spannender Baustein für die Weiterentwicklung der Hausarztpraxis.
Schlussgedanke
Die Schweizer Diskussion sollte sich weniger an Abgrenzungsdebatten festbeissen und stärker auf Versorgungsqualität, Teamlogik und Patientenbedarf fokussieren. PA, MPK und APN stehen nicht für konkurrierende Modelle, sondern für unterschiedliche Antworten auf reale Herausforderungen in der Hausarztpraxis. Wer die Zukunft der Grundversorgung gestalten will, sollte deshalb nicht nach der einen perfekten Rolle suchen, sondern nach der richtigen Kombination von Kompetenzen.
Quellen
- Bachofner, C., Josi, I., Bianchi, M., Eissler, N., & Zumstein-Shaha, M. (2023). Kompetenzniveaus neuer Rollen in der Schweizer Gesundheitsversorgung: Eine Literaturrecherche. Prävention und Gesundheitsförderung. Advance online publication. https://doi.org/10.1007/s11553-022-00958-w
- Gesundheitsförderung Schweiz. (2022). PRiMA – Advanced Practice Nurse in der Primärversorgung: Schlussbericht Evaluation. Gesundheitsförderung Schweiz.
- Gysin, S., Schoenenberger, N., Essig, S., & Zeller, A. (2020). Pflegeexpertinnen APN und Medizinische Praxiskoordinatorinnen in der Hausarztpraxis. Primary and Hospital Care, 20(1), 19–22.
- Physician Associates Switzerland. (2024, May 24). Berufsidentität. https://physician-associates.ch/de/berufsidentitaet/
- Schlunegger, M. C., Palm, R., & Zumstein-Shaha, M. (2023). Der Beitrag von Advanced Practice Nurses in Schweizer Hausarztpraxen: Multiple case study design. Pflege, 36(1). https://doi.org/10.1024/1012-5302/a000890
- Swiss College of Health Leaders. (o. J.). APN in der Hausarztpraxis [PDF]. https://www.slhs.ch/media/zh1nkf2v/pb-final_apn-hausarztpraxen_v3.pdf


